Pannonien. Archipel


Pannonien Archipel. Theorie der Provinz.- Oberwart, Lex Liszt, 2007
Hardcover, 286 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Zeichnungen

„Die Provinz – – – ist nur im Kopf. Und die tiefste im flachsten.“
Uwe Dick: Sauwaldprosa
„Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schlossberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das grosse Schloss an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstrasse zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.“

Wir wissen, was danach kommt und: wir fürchten es insgeheim. Mit diesen Worten hat Franz Kafka nicht nur den berühmten Roman Das Schloss begonnen, sondern auch so etwas wie eine geheime Overtüre der Provinz geschrieben. Alle landläufigen Attribute des Provinziellen können wir hier vorfinden. Es ist Abend. Der Reisende war den ganzen Tag unterwegs, es gibt ein Dorf. Es liegt Schnee. Es gibt auch Architektur, aber diese – ein Schloss – liegt unsichtbar, von Nebel umhüllt, auf einem Berg. Die sichtbare Architektur hingegen – eine Brücke – ist lediglich aus Holz. Subtile Hierarchen der Baumaterialien. Es führt die Landstrasse – nicht die Strasse schlechthin also – in ein Dorf, aber dieses repräsentiert keinen Ort, nichts wirklich und wesentlich Gebautes: repräsentiert wird durch das Dorf nur Leere. Das Dorf und mit ihm als Synonym die Provinz ist die Leere: das Nichts. Das, was dieses Provinzielle aufheben, abschwächen könnte ist – so deutet Kafka durchaus an – die Architektur, das Schloss. Sie, die Architektur, verkörpert einen Ausweg, einen möglichen Ausweg. Jedoch sie verhüllt sich im Nebel; dort, wo sie sichtbar ist, ist sie banal. Sie ist zwar vorhanden, aber lediglich aus Holz, roh, rauh, ungelenk.
Serbien
Der serbische Schriftsteller Radomir Konstantinovic hat vor dem Beginn des blutigsten Krieges in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, den tragischen Auseinandersetzungen rund um den Zerfall Yugoslawiens, ein Buch mit dem Titel Philosophie des Provinzialismus [Filozofija palanke] geschrieben. Wer damals diese Provinzphilospohie verstehen konnte, der kann auch verstehen, was in diesem Krieg geschehen ist. Es ist eine Philosophie des Patriarchengeistes, eine Philosophie des Stammesgeistes, der nach Isolation strebt, ein Geist, der Angst hat vor der Außenwelt. Die Philosophie des Provinzialismus gründet sich auf Banalitäten und führt früher oder später zu einer Art des Nationalismus. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß zum Beispiel der serbische Nationalismus eigentlich ein Produkt des Geistes dieser Provinzphilosophie ist. Diesen Provinzgeist haben nicht zuletzt und am deutlichsten viele Schriftsteller in den Schriftstellerverbänden der Akademie in Serbien zum Ausdruck gebracht. Theorie der Provinz, die zu Provinzialismus, zum Nationalismus und schliesslich zum Krieg führt.
Tschumi
Der schweizerisch – amerikanische Architekt, Essayist und Städteplaner Bernard Tschumi stellt in den Manhattan Transcripts unter anderem die attraktive These auf, dass jede bedeutende Stadt einen Park im Hintergrund habe. Wie ist es aber, wenn wir dieses Axiom erweitern und nicht von Städten und ihren Parks sprechen, sondern von der Stadt, der city, und ihren nichturbanen Umgebungen, der void city, jenen Vorplätzen des Urbanen, die überall um die Stadtzentren dieser Welt zu finden sind. Was aber, wenn wir diesen nicht – städtischen, aber dennoch urbanen Zonen die grössere wirtschaftliche, künstlerische und ästhetische Rolle zuschreiben als den Zentren selbst? Deuten wir also einfach Tschumis Idee um und sagen: Jeder bedeutende Park hat eine Stadt als Hintergrund. Ersetzen wir Stadt durch Städte, und ersetzen wir Park durch Provinz, haben wir die relevante Grössenordnung erreicht, und auch die relevante Fragestellung: Jede bedeutende Provinz hat ihre Städte als Hintergrund.
Doderer
Eine Region erhält erst durch die Kunst ihre spezifische Identität, vorher ist alles lediglich Materie. Künstler sind daher die wahren Erzeuger einer Region: wir sehen den Beweis in Joseph Haydn, in Aleksandar Tisma, in Federico Fellini. Nach dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel – so stellt der Germanist Wendelin Schmidt – Dengler fest – , konstituierten einige der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller auf überraschend analoge Weise die östliche, pannonische, unbekannte Landschaft im Osten Österreichs als Topoi der Kunst. Im Osten lautet eine bezeichnende Kapitelüberschrift in Heimito von Doderers Roman Die Dämonen aus dem Jahr 1956, der die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen Österreichs in der Zwischenkriegszeit zum Inhalt hat. Der Autor führt uns darin unter anderem in die burgenländischen Ortschaften Stinkenbrunn, Mörbisch, Frauenkirchen und Schattendorf, Orte, die niemals vorher Schauplatz literarischer Ereignisse waren. Für Doderer hat aber die Atmosphäre des Schauplatzes eine besondere Bedeutung. Die Landschaft ist für Doderer nicht nur ein Schauplatz einer Handlung, sondern eine “apriorische Topographie”, die gleichsam mitverantwortlich ist für all das, was sich dort abspielt, als Teil des „dichten Netzes unserer Befangenheit“.
Künstler
Federico Fellini hat mit seinem Werk und mit seiner Person nichts weniger als Rimini gegründet. Diese Stadt und ihre Umgebung war bis zu Fellini im italienischen Kontext eine Ungegend, ohne Charakter, ohne Interesse. Durch Fellini, der diesen Ort seiner Jugend immer und immer wieder prototypisch in seinen Werken verarbeitete, erlangte diese Gegend Weltgeltung. Diesen Gründungsakt durch Kunst können wir vielerorts beobachten. Der deutsche Schriftsteller Uwe Dick zum Beispiel hat sein ganzes literarisches Leben einer unbekannten Region im Dreiländereck von Deutschland, Österreich und Böhmen gewidmet, dem Sauwald. Sein bisheriges Hauptwerk – Sauwaldprosa -, scheint paradigmatisch dafür zu sein, was Künstler für einen Territorialbegriff überhaupt leisten können. „Wer viel fragt, geht viel irr, weiß eine altbairische Redewendung. Hier, im vormals Kurbairischen, jetzt Oberösterreichischen, das schon fast böhmisch ist, traf sie ins Schwarze. Denn wo immer wir fragten – das freilich mit Unterbrechungen, Spaziergängen im Sauwald, Übernachtungen in seinen böhmischen Dörfern rund um den Haugstein -, wo immer wir um Auskunft anhielten, war der Sauwald „woanders“ „. Auf 587 Seiten umrundet Dick literarisch durch hunderte Analogien, Bemerkungen, Aphorismen und Nebensächlichkeiten einen Ort, um den es zwar geht, der aber niemals greifbar wird. Dennoch ist die Genese unveränderbar vollzogen: ab diesem Moment gibt es den Sauwald als Ort, wenn wir auch nachher nichts von ihm wissen. Künstler erzeugen nicht nur Orte literarisch (oder durch andere Künste), sie werden durch ihre Werke und deren Rezeption auch Erzeuger und Träger von Regionalbewusstsein, dessen Lesart sie oft durch ihre Werke determinieren.

Film
Es ist beinahe eine eigene Filmgattung, die davon handelt, das jemand aus der Provinz in die Stadt kommt. Dieses Motiv ist stark und universell. Von Michael Glawagas Megacities über Roberto Benignis La vita e bella oder dem Film Der Duft der grünen Papaya des vietnamesischen Ressigeurs Tran Anh Hung bis zum paradigmatischen The secret of my sucsess von J. Michael Fox wird diese elementare Geschichte immer und immer wieder erzählt. Andere Filme – wie Tarkowskis Stalker – haben die düstere und geheimnisvolle Provinz, personalisiert als brutale Zone, überhaupt zum Hauptdarsteller erhoben.

Bartok
Bela Bartok stammt aus Nagyszentmiklos in Südungarn. Obwohl Bartok sein gesamtes Leben in Budapest verbracht hatte, sind doch die pannonischen Wurzeln ausschlaggebend für sein Werk geworden: Bartok sammelte und transfigurierte alte ungarische Volksmusik, indem er zum Beispiel ein neues Tempo in die Musik einbrachte, den allegro barbaro mit seinen hämmernden Ryhthmen. In diesem Sinn verwandelt sich das unbekannte, gewöhnliche Musikleben der einfachen Bauern Pannoniens in ein Stück Weltkultur, gut genug für die Weltbühnen in Wien, Mailand und New York.

Perle
“Hier war Perle, die Hauptstadt des Traumreichs errichtet. Schwermütig düster wuchs sie aus dem kargen Boden in farbloser Einförmigkeit. (…) Keine schreienden Neubauten waren hier errichtet worden; er gab viel auf Harmonie und ließ sich seine alten Häuser aus allen Teilen Europas senden. Es waren nur Gebäude, welche hierher paßten.” Perle, die Hauptstadt von Traumreich in dem berühmten phantastischen Roman Die andere Seite von Alfred Kubin ist eine Ansammlung von unbedeutenden, durchschnittlichen, charakterlosen Gebäuden, typischen Provinzgebäuden. Perle ist die Traumhauptstadt der Provinz schlechthin. Das Bild der zweitrangigen Häuser ist allerdings nicht an die literarische Stimmung der Jahrhundertwende gebunden. Dieses Bezugnehmen auf das dezitiert Provinzielle kann auch zu einem Gründungsakt von Kunst und Architektur werden, wie ich in meinem Buch Minima Aesthetica: Banalität als subversive Struktur der Architektur dargelegt habe. Vor diesem Hintergrund kann man etwa die Bemerkung von Pierre – Alain Croset verstehen, der meinte, dass die berühmten Basler Architekten der achtziger Jahre – Herzog & deMeuron, Diener & Diener – aus der Stadt „Referenzen des schlechten Geschmacks entnehmen würden.

Verbannung
Christop Ransmayr beschrieb in seinem Roman Die letzte Welt die Verbannung des Dichters Ovid an den damals letzten Ort des römischen Imperiums, nach Tomi, in die tiefste Provinz. In diesem Elendsnest, dieser letzten Welt, hausen verwahrloste, verstockte Menschen, Köhler, Schlachter, Seiler, Kramweiber. Provinz als wüster Ort, als Hölle auf Erden. Furor Provincia.

Patria
“Patria nostra olim provincia Romana erat“ – unser Vaterland war einst eine römische Provinz. So begann das österreichische Nachkriegs – Lateinlehrbuch Austria Romana, dessen Einfluss auf das Bewusstsein eines 12 – jährigen Mittelschülers Wendelin Schmidt – Dengler in einem Aufsatz untersuchte. Schmidt – Dengler stellt fest, dass in diesem Lateinschulbuch der fünfziger Jahre die subtile politische Absicht zu erkennen war, Österreichs Geschichte nach der germanischen Blut – und Bodenideologie des dritten Reiches sowie dem davor verbreiteten, österreichischen Selbstbild des Ständestaates als heroisches Alpenland in einen anderen Identitätzusammenhang zu stellen. Mit der Konzentration auf Carnuntum als dem didaktischen Hauptschauplatz des Lehrbuchs Austria Romana fand auch – so Schmidt – Dengler – eine versuchte geographische Umpolung Österreichs statt: anstatt dem alpinen Österreich, dass sowohl in der Zwischenkriegszeit als auch zu Zeiten der Alpenfestung das Österreichbild deutlich dominierte, sei mit diesem Lehrbuch, aber auch mit vielen anderen Texten der fünfziger Jahre die Qualität der Ebene entgegengesetzt worden. Die „Ebene östlich von Wien als einer Ahnung eines größeren, aber verlorenen Raumes, ein Gegengewicht zu den Alpen mit ihren engen und feuchten Tälern, in die die Sonnenstrahlen nur selten dringen“.

Aufruf zum Diskurs
Die Frage lautet also: Ist zum Beispiel unser Burgenland – also die different besiedelte Landschaft südlich von Wien lediglich ein Wien ohne Häuser, eine Art solid void, eine unurbane Zone der Stadt, oder sind die Städte inmitten von Provinzen urbane Zonen dieser Provinz? Wir müssen uns also nicht nur fragen: was ist Provinz, sondern wir sollten nichts weniger als eine Theorie der Provinz entwickeln.
Zufällig leben wir in einer Provinz, die vor der Haustüre einer Grossstadt liegt, eine Provinz, die beinahe niemals ernsthaft als eigenständiger Ort eines Diskurses auftritt. Ich spreche von der Provinz Burgenland. Diese Provinz Burgenland repräsentiert eine manifest gewordenene Leere im Vorgarten der Metropole Wien, dieses erst seit 80 Jahren mit Österreich wiedervereinigte Bundesland ist eine zutiefst unbekannte Gegend. Das Gemeinsame des Burgenlandes wird konstituiert durch Geschichte, durch Politik, durch Architektur. Alles aber wird überwölbt durch die seltsam leere, metaphysische, pannonische Landschaft, die im grossen Gegensatz zu den heroischen Landschaften wie den Alpen oder dem Mittelmeerraum steht. Es ist eine leere, offene Landschaft. Diese Leere findet man in vielen Aspekten des Burgenlandes wieder. Diese Leere sollte uns zum Diskurs herausfordern.
Dieser Region, dieser Provinz und ihren vielfach unbekannten Implikationen ist dieser Blog verpflichtet.

(Einleitung)

  • In/ by Klaus-Jürgen Bauer
  • year 2007
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